Meine ehrenwerte Mission

№ 1.

Liebe Leserin,

Eins vorweg: Sie, geneigte Leserin, mögen mir meinen elaborierten, ja verschwurbelten Stil vergeben, der nicht selten ins Barocke schweift. Sie seien hiermit höflichst gebeten, anstatt sich angewidert abzuwenden, selbstironische Süffisanz desjenigen zu unterstellen, der sich hier erdreistet, den Dozierenden zu geben und hierbei in geradezu peinlicher Weise seine Eloquenz strapaziert – und das im doppelten Wortsinn: peinlich genau und: zum Schämen.

Die Kostbarkeit der Gegenstände, die im weiteren behandelt werden, verführen mich nun einmal zu dem gepflegten, zugegeben: geputzten Stil und ja, ich gestehe, auch um die Gunst meiner Leserin ist es mir zu tun.

Warum hier stets die Rede von einer Leserin sei? Nein, mich leitet nicht politische Korrektheit zur stetigen Verwendung des weiblichen Genus. Es ist mein krankhafter Narzissmus, der mich in die Fänge der Vorstellung von einer Idealleserin treibt, die Zeile um Zeile genüsslich verkostet, was sich bei ihr schleichend zu einer veritablen Sucht nach Worten aus meiner Feder auswächst. Das Träumen wird doch wohl noch erlaubt sein. Der männliche – oder auch trans-, inter- und asexuelle – Leser möge es mir verzeihen und sei dessen ungeachtet hoffentlich  ebenso in Bann gezogen.

Erlesene Dinge verlangen nach eleganter Fassung und schmucke Verpackung hat schon so manche Sehnsucht nach minderwertigerem Inhalt geweckt. Ergo sei der Leserin auch mit dem – hier ach so sorgfältig ziselierten – sprachlichen Gewande die Gunst erwiesen – dort waren wir zuvor verblieben.

Fehlt es mir an Selbstvertrauen, es einem Lautréamont – “Was blähen sich deine Nüstern, oh Leser, oh Scheusal” – oder einem Peter Handke (“Publikumsbeschimpfung”) gleichzutun? Zunächst ist mir der Gedanke, meine Leserin zu schmähen, (noch) ein Graus.

Dies mag sich im Verlaufe unserer Korrespondenz an diesem Ort wandeln, je nachdem, wie sich ihre mögliche Repliken auf meine Zeilen gestalten werden.

Vorerst sei unbekümmerte Naivität stattgegeben, den  Gepflogenheiten des herrschenden Zeitgeistes und den üblichen Umgangsformen in diesem Medium

zum Trotz, eine respektvolle und wohlwollende Haltung beiderseits zu unterstellen. Jedem Anfang wohnt nun einmal ein Zauber inne und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Ich schrieb vorhin von der Kostbarkeit der hier im weiteren zu behandelnden Gegenstände. Um welche es sich hierbei handelt? Um nichts geringeres als die Geheimnisse der Dramaturgie und die Zukunft des Erzählens, vor allem des kinematographischen und televisionären, wobei auch Abstecher in abstrusere

Gefilde gewagt werden, etwa die Dramaturgie eines gelungenen Diners oder
gar die eines Mordes (vgl. de Quincey: “Mord als eine schöne Kunst betrachtet”).

Diese Kleinode sollen fortan Objekte der wüsten Analyse und der ernsthaften Spekulation sein, aber auch der – gelegentlich in Anbetung  abgleitenden – Faszination für unerreichte Meisterwerke wird gefrönt. Für genüsslichen Spott und selbstgerechte Verachtung gegenüber Schlamper- und Stümperei sowie Geschmacklosigkeiten soll hier ebenfalls nicht an Raum gespart werden.

Nun endlich zum Status quo und zur eigenen Mission:

Wie oft sucht der Kenner, der Feinschmecker des Narrativen vergeblich nach Treffsicherheit des Stils, Brillanz des Ausdrucks, Verwegenheit sprachlicher oder bildlicher Schöpfungen, Lebendigkeit der Gestalten, Quecksilbrigkeit des Geistes, ästhetischem Widerspruchsgeist, ja Angriffslust, wie oft sehnt er sich, ein wenig bescheidener, nur nach einem Hauch handwerklichen Sachverstands, nur nach ausgezeichneter Zeichensetzung oder, bitte, lediglich rechter Rechtschreibung.

Nach zu oft erlittenem Mangel am Vorgenannten, wohl wissend, wie selten all die ersehnten Qualitäten sich in einem Werk vereinen, musste jemand meines Schlags sich verpflichtet fühlen, für Abhilfe zu sorgen.

Meine Mission:
Der gähnenden  Phantasielosigkeit, dem Kahlschlag im Ésprit, der Wiederkehr des Ewiggleichen, dem grassierenden Ennui oder doch zumindest dem Verfall des Handwerks kühn die Stirn zu bieten.

Jaja, liebe Leserin, Sie mögen einwenden, ich sei der Unwürdigste aller für diese ehrenwerte Aufgabe in Frage kommenden – Sie haben hiermit selbstredend recht. Nichts liegt mit  ferner, als auf die dürftigen Sporen zu verweisen, die ich mir bisher im Auftrage der Erzählkünste verdienen durfte.

Nichtsdestotrotz erkühne ich mir einzubilden, ich könnte einer Aspirantin der Erzählkunst den ein oder anderen Ratschlag erteilen. Ich gestehe unumwunden – die belesene Leserin meiner Zeilen wird es ohnehin rasch entdecken – das Gros meiner bescheidenen Kenntnisse verdankt sich schamlosen Diebstahls. Mein Rat wird sich im folgenden daher oftmals lediglich auf Empfehlungen beschränken, wo mit Ertrag zu plündern, zu plagiieren oder, eleganter – aber unaufrichtiger – ausgedrückt, sich zu inspirieren sei.

Ansporn für die Unternehmung, dies Magazin zu eröffnen und fortan mit Notaten zur Dramaturgie zu füllen, ist zunächst das diebische Vergnügen, den  Könnern des Fachs ihre geheimen Rezepte zu stibietzen, eine wilde Neugier, nicht beim Staunen angesichts des Zaubers zu verharren, sondern stattdessen, hinter dem Rücken des Magiers, insgeheim die Nase vorwitzig in dessen Trickkiste zu praktizieren.

Weiteren Antrieb bildet der wenig fromme – da eigennützige – Wunsch, immer öfter vom Schein der Leinwand/des Bildschirms gebannt, geblendet, gerührt und erleuchtet zu werden. Ich hoffe, meine Leserin im Folgenden Rat angedeihen lassen zu können, der gleichsam bereichert und unterhält, auf dass sie mir gewogen bleibe. Denn wie alle der Erzählkünste Kundigen weiß ich: nichts ist verwerflicher als unserer aller Erzfeindin zuzuarbeiten: der Langweile.

Hochachtungsvoll der Ihre
Friedrich von Schönfeld, Freiherr von Falkenlust
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